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Essen in China
oder
Die Kunst eine Nudelsuppe mit Stäbchen zu essen

© Silke Schreiber

Das Essen nimmt hier in China einen wichtigen Stellenwert ein. Es ist das wichtigste überhaupt. Das Essen bekommt ein extra Kapitel. Würde man die Fotos nach Wichtigkeit der Themen ordnen, die einem hier begegnen, dann müsste auf jedem 2. Foto Essen abgebildet sein.

Auf der Straße, den Imbissen und den Restaurants wird von morgens bis abends Essen verkauft. Egal nun, ob morgens oder abends - es gibt immer das gleiche: Nudeln, Reis, Gemüse, Fleisch, Baozi (gedämpfte Hefeklöße mit Fleisch, Gemüse oder süßem Bohnenmus) und vielerlei mehr. Das ganze dann als Suppe zubereitet, gekocht, gebraten, gedünstet oder frittiert. Sogar der grüne Salat wird hier gekocht. Mit den unterschiedlichen Zutaten, Kombinationen der Zutaten und Zubereitungsarten ergibt sich eine unendliche Fülle an Gerichten. Da gibt es jeden Tag einen neuen Gaumenschmaus zu entdecken.

Die Zutaten sind meist in sehr kleine Stücke geschnitten, obwohl man zum Essen immer nur die Stäbchen zur Verfügung hat. Löffel sind weitgehend unbekannt. Wer also wissen möchte wie es uns damit geht, möge doch bitte mal versuchen Erbsen, Wackelpudding oder Nudelsuppe mit Stäbchen zu essen!!!

Und wie sagt man so schön: der Chinese isst alles was vier Beine hat außer Tische und Stühle – das stimmt!!! Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Doch nicht nur die Vier-Beiner müssen dran glauben. Auch die Zwei-Beiner, die Ein-Beiner (Pilze) und die Kein-Beiner werden genüsslich verspeist. Kröten und Schlangen gehören genauso zum Speiseplan wie Schwein und Rind.

Von einem Tier wird auch alles gegessen. Jeder Körperteil eines Tieres hat einen besonderen Wert für die Gesundheit. Wie ich finde ist das auch ganz sinnvoll. Wenn ein Tier schon sterben muß, weil ich es essen möchte, warum soll ich dann nicht auch alles von dem Tier verwerten? Der Kopf ist gut für den Kopf und das Beste vom Tier. Da ist das Gehirn drin. Das Gehirn stärkt die Nieren und die Essenz. An den Imbissständen kann man sich dann auch leckere Köpfe verschiedener Tiere auf die Hand zum knabbern mitnehmen.

Grundsätzlich wird jeder Körperteil eines Tieres verwendet, da man ja den ganzen Körper stärken möchte. Wenn man eine Ente bestellt kommt ein Sud mit einem großen Haufen Knochen, incl. Kopf und Füßen. An den Knochen hängt ein wenig Fleisch, welches man mühsam von den Knochen nagt. Kaum ein Bissen ist ohne Knochensplitter. Die Knochen werden natürlich vor dem Kochen zerhackt, damit das wertvolle Mark austreten kann.  

Einmal haben wir den Fehler gemacht und etwas bestellt, was wir am Nachbartisch gesehen haben -Fleisch mit Paprika. Bei näherer Betrachtung war dies eine Sorte Fleisch, die wir alle nicht kannten. Merkwürdig in Ringe geformt, so wie Kalamares (Tintenfischringe). Doch der Geschmack war ungewöhnlich und uns nicht bekannt. Hinterher stellte sich dann heraus, dass wir den Dickdarm eines Tieres verspeist hatten. (Bloß nicht drüber nachdenken und hoffen, dass sich dieses Gericht positiv auf meinen Darm auswirkt.)

Das Wissen, welches Nahrungsmittel in welcher Art auf die Gesundheit wirkt ist nicht nur den Ärzten vorbehalten. Jeder weiß und praktiziert es. Im Restaurant gibt es dann auch schon mal eine Suppe, die mit einem Lungen Qi stärkenden Kraut gekocht wurde, um die Lunge und damit die Abwehrkräfte für den Herbst zu stärken.

Gegessen wir immer und überall. Mittags und abends wird vor den Schuhgeschäften, den Boutiquen und Frisörläden der Gaskocher herausgeholt und das Essen für die Angestellten und die ganze Familie geschnippelt und gekocht. Auf kleinen Klapptischen und Klapphockern wird dann in Bodennähe gemütlich gegessen und geplauscht. Wenn ein Kunde kommt wird dieser zwischendurch bedient.

Chinesen ohne Essen sind wie ein Auto ohne Motor: Nichts geht mehr. Essen hat immer Vorrang. Auch wenn man sich an der schönsten Sehenswürdigkeit befindet, wie zum Beispiel auf dem heiligen Berg Emei Shan und man so schönes Wetter dort hat, wie es nur 5x im Jahr dort vorkommt und man für den Aufstieg mit Bus, Seilbahn und Fußmarsch über 2 Stunden gebraucht hat: Punkt 12 Uhr Mittags muss die Besichtigungstour abgebrochen werden, weil dem chinesischen Führer der Magen in den Kniekehlen hängt.

Das Essen im Restaurant ist auch ein ganz besonderes Erlebnis. In Deutschland würde jede Berufsgenossenschaft vorschreiben dort einen Gehörschutz zu tragen. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Alle schreien in einer unglaublichen Lautstärke durcheinander. Der Start eines Düsenflugzeugs ist nichts dagegen. Unterstützt wird das ganze durch ein Interieur gegen das eine Bahnhofsgasstätte einem gemütlichen Wohnzimmer gleichet.

Das Essen wird auf eine Drehscheibe in die Mitte gestellt. Die verschiedenen Gerichte kommen nie gleichzeitig, sondern in Etappen. Und wenn schon fasst alles aufgegessen ist wird der Reis gebracht. Mit Stäbchen bewaffnet stürzen sich dann alle auf die in der Mitte stehenden Platten. Jeder hat zwar ein eigenes Schälchen, aber meist isst man direkt aus der Mitte. Der Kopf sollte sich dann möglichst nah am Teller befinden, wenn man sich nicht als Ausländer outen möchte. Und wer nicht laut schlürft und schmatzt fällt hier ebenfalls auf. Das gehört sich nun wirklich nicht.

Es passiert auch schon mal, dass am Nachbartisch jemand die überflüssigen Endprodukte seiner Lunge gründlich, genüsslich und mit einem lauten „chrrrrrrrrrrrrrrrrr“ nach oben in den Mund befördert, von wo aus diese dann auf den Boden landen.

Heute Abend haben wir neben einem Elektroroller gespeist. Der Besitzer hatte ihn kurzerhand zum Aufladen der Batterie im Gastraum abgestellt.

Die frischen Lebensmittel bekommt man hier auf dem Markt. Mit frisch ist auch frisch gemeint. Fische, Schlangen und Kröten tummeln sich in Schüsseln und Schalen. Obst und Gemüse gibt es auch nur auf dem Markt. In den Supermärkten gibt es keine frischen Waren. Auch Fertigprodukte findet man nur selten und Tiefkühlkost sucht man vergeblich. In den Supermärkten kann man Softdrinks, Wasser, Tee, Kekse, Waschmittel und ähnliche verpackte Waren kaufen.

Auch wenn sich manches abenteuerlich und abschreckend anhören mag: so schlimm ist es wirklich nicht. Ganz im Gegenteil. Es gibt hier so viele leckere Gerichte mit frischen Zutaten. Das Essen werde ich in Deutschland vermissen. Ich spüre am eigenen Leib, wie mein Milz Qi hier durch das gute Essen gestärkt wird. Ich habe viel Energie und nie japp auf Schokolade. Obwohl ich 3x am Tag warm esse, und dies reichlich, habe ich bereits 3 Kilo abgenommen.

Natürlich werde ich mir in Deutschland wieder mühevoll angewöhnen müssen die Tischmanieren einzuhalten, mein Essen nicht mehr über und unter dem Tisch zu verteilen und auch nicht mehr laut krakehlend im Restaurant zu sitzen. Aber ich bin ganz zuversichtlich, dass mir das gelingen wird.

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